• Dr. Spork Bolzen

    2014 fing gut an. Das Boot machte nur wenige Stunden Wasser, dann war es den Rest des Jahres dicht. Rechtzeitig zur ersten Regatta in Neustadt sollten die Segel da sein, was auf den letzten Drücker auch klappte. Zudem passten die Segel perfekt und waren auch noch schnell. Drei erste Plätze in Neustadt. Dann kam beim Reinsegeln der Mast von oben. Nach ausgiebiger Analyse mit Ulli Schütte und dem Rigger aus Greifswald war klar, das die Riggkonfiguration mit Diamonds und unverstagten Oberwanten eigentlich nix taugt, es sei denn man kann da Tonnen von Vorlast auf die Wanten geben, was sich bei einem alten Holzboot nicht anbietet.    Dank der Arbeit von Ulli Schütte und einigem Hin und Her war dann zu Classic Week wieder ein Mast auf dem Schiff. Und schnell war sie immer noch. Eine veränderte Verstagung und zusätzliche Unterbackstagen ließen das Rigg  kontrollierbarer erscheinen.  So auch bei der German Classics, wo wir im ersten rennen eine schöne Führung vor Nils ersegelt hatten, als das Ruderspiel massiv mehr wurde.  Am Ende der zweiten Spigangs hatte das Ruder gar keinen Einfluss auf die Fahrtrichtung des Bootes mehr. Also Spi weg, nur mit Segeln steuernd aus der Regattabahn herausfahren, Ankern und auf die DGzRS warten, die uns super sicher und professionell  bei 6 Bft nach Laboe schleppten.  Dort am Kran zeigte sich das Elend: das Ruderblatt war abgefallen. Die Welle war am Rumpfaustritt durchgerostet. Die Well war keine Bronze sondern irgendein schwedischer Stahl aus vorniro Zeiten.  Dank Ulli Schütte gab es sehr schnell einen schönen, wenn auch teuren Ersatz und ich konnte die Saison ohne weitere Regattaausfälle zu ende segeln.     Allerdings hatte mein vertrauen in Pilgrim etwas gelitten. Nachdem ich alles Technische an dem Boot, alles stehende und laufende Gut und alle Beschläge im Vorjahr ausgetauscht hatte, hatten sich nun versteckte Mängel gezeigt und ich hatte bisher Glück, das niemand zu Schaden gekommen ist. Was hatte das Boot noch zu bieten?    Da gibt es ja noch die Kielbolzen und da liefen ja seit Anfang der Saison Rostnasen unter dem Kielbalken heraus.  Nachdem ich jeden der es wollte und jeden der es nicht wollte über die Kielbolzen und deren Schicksale ausgefragt hatte, war ich eigentlich kurz davor diese im Winter zu wechseln. Aber das bedeutet einen Haufen Arbeit, den ich gar nicht leiten kann und kein Bootsbauer konnte eine genaue Prognose über die anfallenden Kosten machen. „Wenn die leicht rausgehen 4000€ wenn nicht kann es auch dreimal soviel werden“. „ Kannst Du mal mit 15000€ rechnen, da müssen dann auch die Wrangen erneuert werden und mal sehen was mit dem Kielbalken und Totholz los ist“. Nicht nur finanziell beängstigenden Aussichten.  In den Gesprächen  kam auch immer mal wieder der Vorschlag die Bolzen per Röntgen überprüfen zu lassen, aber keiner der Hundertschaften, die ich inzwischen genervt hatte konnte mir sagen wer so etwas macht oder wer so etwas schon mal hatte machen lassen.    Mir als Arzt ist Röntgen ja nicht fremd, aber ich hatte Zweifel ob es überhaupt möglich wäre so eine Röntgenröhre in die Bilge eines 22er Schärenkreuzers zu bekommen. Ich startete einige Anfragen aber zunächst erst mal ohne Erfolg. Dann kam nach einigen Wochen eine Antwort auf meine Anfrage an die Zeros Materialprüfung GmbH in Berlin Schönefeld mit Nachfragen zu einigen Details und dann die zuversichtliche Antwort von dem Prüfingenieur Andreas Niemann: Das können wir machen.  Also Schiff im November auf den Trailergehoben und nach Schönefeld in die Halle der Zeros. Dort blieb es zwei Wochen, dann kam der erlösende Anruf: Die Untersuchungen haben funktioniert und die Bolzen sind alle in Ordnung. Vor Ort habe ich dann die Röntgenbilder aller sieben Kielbolzen gezeigt bekommen, die Qualität ist beeindruckend, man kann alle Detail präzise erkennen. Die einzige vorhandene Beschädigung war dort, wo beim Bau des Schiffes mal versucht wurde  eine Schraube in den Kielbolzen zu drehen. Geringe Rostablagerungen im umgebenden Holz sich auch sichtbar, jeweils nur wenige Millimeter, so dass auch nicht die so genannten Nailsickness befürchtet werden muss, bei der der Rost nach und nach das Holz zerstört.    Die technische Durchführung der Untersuchung, die mir erstmal unklar war, da ich sicher bin, dass eine Röntgenröhre nicht in meine Bilge passt, erfolgte mit einer radioaktiven Selen-Strahlenquelle, die so klein ist, dass sie in nahezu jeden Winkel meines Bootes passt, so dass die Kielbolzen in der gesamten Länge, außer dem Verlauf im Bleikiel, wo erfahrungsgemäß kaum Korrosion auftritt, abgebildet werden konnten.  Die Abbildungsqualität ist so hoch, dass man zum Teil sogar die Maserung des Holzes erkennen kann. Darüber hinaus wurde eine Ultraschalluntersuchung der Bolzen in Längsrichtung durchgeführt, mit der Brüche der Bolzen erkannt werden könnten, die im Röntgen verdeckt bleiben könnten, wenn die Fragmente unverschoben aneinander liegen.    Die Untersuchung hat 1200€ gekostet. Gut angelegtes Geld, denn dieUntersuchung hat mein Vertrauen in das Boot wieder hergestellt ohne dass ich einen aufwändigen Austausch der Kielbolzen vornehmen lassen musste undsie hat mir einen Haufen Geld gespart.  Wer ähnliche Sorgen hat, sollte daher die Möglichkeit der Röntgenuntersuchung der Kielbolzen in Erwägung ziehen und kann dann mit etwas Glück eine Menge Geld sparen oder zumindest genau wissen, warum er alle oder einzelne Kielbolzen austauschen muss.   Matthias Grothues-Spork


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