Bericht zum Skipper’s Sherrytime

Foto: Herbert Boehm

Segeln auf Großseglern

Ein Abend zu Sailtraining, Törns und Tallship-Races

Wie ist es eigentlich, auf einem großen Schiff zu fahren, in die Rahen aufzuentern, Drahttauwerk zu spleißen oder für 48 Menschen zu kochen?

Am Freitag kamen auf Einladung der Fahrtenabteilung im Oskar-Gleier-Raum des Berliner Yacht-Clubs um die 50 Segelbegeisterte zusammen, um genau das heraus zu finden. BYC Mitglieder berichteten von Törns auf „ihren“ Schiffen: Dem Gaffelschoner ESPRIT, der Brigg ROALD AMUNDSEN, dem 3-Mast-Gaffelschoner GROSSHERZOGIN ELISABETH und der Bark ALEXANDER VON HUMBOLDT II und ließen uns teilhaben an Ihrer Begeisterung für die traditionelle Seefahrt.

Traditionssegeln ist ein weites Feld. Während die einen dazu raten, den Begriff zu meiden, weil er nach Shanties-singenden Opas und Rost, Staub und Fett auf alten Schiffen klinge, betonen andere, er definiere die rechtliche Zone zwischen Sportschifffahrt und Berufsschifffahrt, in der die ‚Tradis‘ sich bewegen und die ihnen jene technischen Vergünstigungen sichert, die den Betrieb der Schiffe erst möglich machen.

Auch die Segelschiffe sind so unterschiedlich wie die Szene selbst. Einige schwören auf Holz pur, wie bei der SEUTE DEERN, andere wiederum auf robuste Stahlrümpfe. Einige sind wirklich alt, wie die GROSSHERZOGIN ELISABETH, andere extra zu diesem Zweck gebaut, wie die ALEXANDER VON HUMBOLDT II oder aus einem alten Frachtschiff entstanden, wie die ROALD AMUNDSEN. „Sail training“ findet aber auch auf modernen Einzelbauten mit eher traditionellen Riggs wie der ESPRIT statt. Fast alle Schiffe unternehmen große Seereisen – gerne über den Atlantik und zurück.

Eine besondere Ausnahme bildet hier die ROYAL LOUISE, deren Trägerverein gleich mit mehreren Mitgliedern zu Gast war. Eine Fregatte im Verhältnis 1:3 entworfen, um königlichen Kindern die Seeherrschaft über die Havel zu ermöglichen, fährt heute als Nachbau aus der Nach-Wendezeit wieder auf der Havel und ermöglicht es Crew und Gästen, Traditionsschifffahrt auf einem Rahsegler zu betreiben und „abends wieder zu Hause“ zu sein. Die ROYAL LOUISE ist mit 17 Metern das kleinste der vorgestellten Schiffe. Natürlich wirken die Menschen dort wie Titanen, während man sich auf den anderen Schiffen mit Rumpflängen von 20 bis 65 Metern eher schwach und klein fühlt – angesichts der Kräfte, mit denen die Segel die tonnenschweren Rümpfe durch Wasser ziehen.

Und doch haben sie vieles gemein: Spürbar in den Erzählungen war die Begeisterung für das Segeln auf großen Schiffen, das Zusammenwachsen der Wachen, das Erlebnis, dass es nur gemeinsam geht. Immer wieder betonten die Referent:innen die besondere Verantwortung – vor allem nachts, wenn die Schlafenden im Schiff darauf vertrauen, dass oben auf der Brücke und an Deck sicher und wachsam navigiert und gesegelt wird.

Vieles davon gibt es so oder ähnlich auch auf Yachten. Wer aber erleben will, wie das Räderwerk großer Crews auf den Segelschiffen funktioniert und wer das alte Seemannshandwerk erlernen möchte, der sollte unbedingt mal auf einem Traditionssegler fahren.
Alles in allem war es ein hochinteressanter Abend in entspannter Atmosphäre. Beeindruckend war, wie viele von uns, die sich sonst mittwochs auf der Regattabahn begegnen, auch in der Traditionsszene aktiv sind – als Trainees, Nautiker, Skipperin, Stammcrew, Wachführerin oder auch als Botschafter:innen der S.T.A.G, die sich als gute Geister im Hintergrund um das „immaterielle Kulturerbe“ kümmern – und nicht zuletzt um die Gelder, mit denen die Schiffe erhalten und die Jugendlichen gefördert werden.

Hier noch die links zur Sail Training Association Germany und den vorgestellten Schiffen: https://www.sta-g.de/www.sailtraining-esprit.dewww.sailtraining.de (Roald Amundsen), www.grossherzogin-elisabeth.de | www.alex-2.eu.

(Erhard Zimmermann)